Wie Sie wissen, gehe ich an den großen Weltbörsen bis zum Herbst von einer Seitwärtsphase aus. Einige Leser fragten mich daraufhin, was ich denn Neueinsteigern empfehlen würde, die noch nicht engagiert sind bzw. zu früh ausgestiegen sind und jetzt auf eine Korrektur hoffen.
Eine gar nicht so einfache Frage für einen seit langer Zeit bullish eingestellten Börsianer. Und eine noch schwierigere für einen Redakteur, der in einem kostenlosen Dienst keine konkreten Empfehlungen kann.
Aber ich möchte mal so sagen: Es gibt sehr viele Unternehmen, insb. aus den großen Indizes, die in den letzten Wochen, Monaten oder sogar Jahren ohne nennenswerte „Zicken“ sehr gut gelaufen sind; wie z. B. eine immer wieder von mir erwähnte Exxon Mobil, eine Nestlé oder auch eine Porsche-Aktie. Aber zwei Dinge dürfen wir nicht außer Acht lassen:
1.) Es besteht natürlich die Möglichkeit einer länger anhaltenden Seitwärtsphase
2.) Auch eine kräftigere Korrektur (vergleichbar der mit der vom Mai letzten Jahres) ist möglich.
Zu Punkt 1 habe ich Ihnen einmal die Firleysche Börsenviper mitgebracht, wie Sie im folgenden Chart sehen:
Die Exxon-Aktie bewegte sich von Februar 2005 bis August 2006 in einer 10-Dollar-Seitwärtsrange (55 bis 65 Dollar). Für einen Langfristanleger mit einem Zeithorizont von 5 bis 10 Jahren wäre dies sicherlich kein Problem gewesen; schließlich wurde er ja dann doch noch für seine Geduld belohnt. Einen mittelfristigen Anleger hätte dieses Auf- und Ab sicherlich ziemlich genervt. Mal lag er in dieser Zeitspanne (im Hoch) 18 % vorne, dann wieder auf Einstandskurs, dann doch wieder im Gewinn etc.
Also: Auch solch eine Phase können wir für die nächsten Monate (nicht nur für Exxon, sondern für sehr, sehr viele Aktien) nicht ausschließen.
Zu Punkt 2 gucken wir uns kurz den Dax an:
Rot eingekreist sehen Sie die Korrektur letzten Jahres, die den Dax von etwa 6.140 Punkten bis unter 5.300 Punkte trieb – ein Verlust von ca. 13,5%. Zahlreiche Pessimisten sahen damals die Welt vollständig untergehen und mahnten: „Habe ich es nicht immer schon gesagt?“. Gerne verschweigen diese Pessimisten, dass sie zu diesem Zeitpunkt für den Dax bereits wieder über 3.000 Punkte falsch lagen.
Gerne ließ ich damals den Pessimisten ihren etwa 5-wöchigen Spaß. Am 22. Juni 2006 schrieb ich dann hier in der Geldanlage-Strategie (einige von Ihnen erinnern sich vielleicht noch, im Chart hellblau eingekreist):
Wie könnten wir jetzt einen Einstieg finden? Um es auf Fußballdeutsch zu sagen: Nach der Korrektur ist vor der Rallye! Ob die Korrektur jetzt vorbei ist, kann Ihnen keiner (ich wiederhole: keiner!) prognostizieren.
Doch genau jetzt würde ich mir die geprügelten Märkte genauer angucken und wieder kleinere (!) Positionen aufbauen. Entscheidend ist, ob der Dax seinen langfristigen Durchschnitt überbieten kann und zurück in seinen Weg zurück in den Aufwärtstrendkanal findet. Auch technische Indikatoren haben auf Kauf gedreht (z.B. der MACD; siehe 1-Jahres-Chart).
Analysieren Sie neben dem Dax und den “gängigen” Indizes auch die noch sehr günstig bewerteten, aber auch sehr geprügelten BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China).
Na ja, sicherlich kein schlechtes Timing. Aber ich gebe offen zu:
Damals - in meinen Augen nach der Korrektur - war für mich die Situation wesentlich klarer als jetzt. Aktuell gibt es nämlich in der Tat drei gleichwertige Möglichkeiten:
- die Euphorie-Phase (wenn die Indizes jetzt in kürzester Zeit weitere 10% und mehr zulegen)
- die Seitwärtsphase (wenn die Indizes sich bis zum Herbst in einer Range von 3 bis 5 % bewegen)
- die Korrektur (Kursverfall von 10 und mehr Prozent in den Indizes)
Klar, am gesündesten wäre die Seitwärtsphase, am schlimmsten die Euphorie. Denn letztere dürfte dann in eine unerbittliche und in den Ausmaßen unvorhersehbare Korrektur führen…
Von den vielen Analysten am meisten erwähnt, diskutiert und beschrieben wird die Korrektur (wegen Saisonalität, Zinsgespenst, mithin Inflation, Ölpreis, Stocken der Wirtschaft etc.). Aber Sie wissen:
Je mehr Analysten von einer (heftigen) Korrektur ausgehen, umso unwahrscheinlicher wird sie.
Wie Sie vermutlich erraten haben, ist für mich momentan nicht der passende Zeitpunkt, um jetzt neu und mit voller Wucht in Aktien einzusteigen. Wer aber jetzt der Meinung, neu oder erneut in Aktien einsteigen zu müssen, dem kann ich nur eine breite Diversifizierung (also eine weite Streuung) ans Herz legen.
Ich persönlich würde also nicht alle Eier in einen Korb legen. Statt also z.B. 5000 oder 10.000 Euro in eine Aktie zu stecken, würde ich mein Glück lieber auf fünf, wenn nicht sogar zehn verschiedene Aktien aus verschiedenen Ländern verteilen.
Ein paar charttechnisch interessante Beispiele hierzu zeige ich Ihnen morgen.
Lesen Sie in diesem Zusammenhang bitte auch den Gastbeitrag von Herrn Buskamp. Kürzlich wurde er hier als der „Schnäppchenjäger der Nation“ vorgestellt, der alleine von März bis Mai 2007 fünfzehn Gewinnpositionen verkauft hat, davon 7 bei weit über 100%! Gerade habe ich seine aktuelle Ausgabe vom Börsendienst Value Investor in der Hand. Und siehe da: In den letzten Wochen hat er wieder 4 Positionen verkauft. Die Gewinne (kein Witz!): 217%, 198%, 203% und 317%.
Viel Erfolg an der Börse
Ihr
Tom Firley