Das seltsame Verhalten von Interims-Bären in der Sommerzeit

Von Tom Firley

Manche Dinge verstehe ich nicht.

Ich verstehe nicht, warum die Nächte am kommenden Wochenende vermutlich höhere Temperaturen erreichen werden, als die Thermometer-Anzeigen der vergangenen Tage.

Ich verstehe auch nicht, warum meine 14 Wochen alte Tochter Paula manchmal plötzlich laut aufschreit, um mich dann ein paar Sekunden später wieder lächelnd anzustrahlen. Leider kann sie es mir selbst auch noch nicht verraten.

Aber am allerwenigsten verstehe ich momentan nicht, warum viele Börsen-Experten, die eher als Bullen bekannt sind, seit geraumer Zeit eine starke Korrektur vorhersagen (herbeisehnen wäre wohl das bessere Wort) und zum Ausstieg aus Aktien raten.

Damit meine ich nicht die Kurzfrist-Trader, die jetzt eine Überhitzung sehen und strategisch kurzfristig (!) auf eine fallende Börse wetten wollen. Schließlich habe ich selbst am Dienstag ja geschrieben, dass der Dax bis auf 7.800 Punkte fallen kann, wenn die 8.000 Punkte unterboten werden. Intraday wurden am Mittwoch dann im Tief tatsächlich 7.799,93 erreicht. CFD-Trader hätten mit dieser Einschätzung ihre Freude gehabt. Sie mögen mir die Ungenauigkeit von 0,07 Punkten verzeihen… Scherz beiseite und zurück zu den neuen Bullen-Bären:

Wir wissen doch, dass die Börse keine Einbahnstraße ist
Immer wieder lese ich, dass „eine Korrektur immer notwendiger wird“ oder „Vorsicht vor Fahnenstangen“ etc. Ok, vor fallenden Kursen zu warnen, ist kein Fehler. Aber schön langsam, so denke ich, haben die Anleger begriffen, dass die Kurse nicht immer steigen können. Wie gesagt:

Kurzfrist-Trader, die tatsächlich ihr Geld mittels Derviaten auf fallende Kurse setzen wollen, können mit diesen Aussagen etwas anfangen. Aber wie sollen sich denn mittel- bis langfristige Aktien-Anleger angesichts dieser Warnungen verhalten? Alles verkaufen, in Festgeld einsteigen oder Goldbarren kaufen und lieber Briefmarken sammeln?

Nein, liebe Leser, das kann es nicht sein. Meines Erachtens werden hier Äpfel mit Birnen verglichen, bzw. wird die Situation in den Indizes auf alle darin enthaltenen Aktien (und alle anderen Aktien dieser Welt) herunter gebrochen.

Betrachten wir also einmal die „Situation“:

Wie Sie im Chart erkennen, hat der Dow Jones gestern mit einem unglaublichen Aufwärtstag die vorherigen (intraday-)Widerstände bei 13.670 Punkten durchbrochen. Jetzt haben wir meines Erachtens drei Möglichkeiten:

1.) Der Dow steigt moderat weiter oder tendiert – meine Lieblingsmöglichkeit – bis zum September weiterhin seitwärts. Das wäre die einfachste Variante. Sie lassen Ihre (Aktien)-Gewinne einfach laufen.
2.) Der Dow fällt auf das Niveau der letzten Hochs bei etwa 13.670 Punkten und frisst sich dort fest. Eine wunderschöne Unterstützung würde sich dann auf dieser Höhe bilden (auch bullish).
3.) Der Ausbruch stellt sich als False Break heraus. Die Kurse würden dann also wieder zurückkommen. Damit käme dann wieder mein kürzlich erwähntes Doppeltop (im Chart blau und grün eingekreist) zum Tragen. Sollte der Dow dann im weiteren Verlauf unter die rote Nackenlinie bei 13.250 Punkten fallen, sind Kurs bis 12.850 (eher 12.800) denkbar.

(Für Chart-Artisten: Ich weiß, penible Charttechniker würden mir jetzt wegen der letzten Aussage am liebsten den Dow-Chart um die Ohren hauen, denn das Doppeltop wurde durch den gestrigen Anstieg quasi aufgelöst. Allerdings würde durch einen False Brake der vorherige Bruch der Widerstandslinie ja auch aufgelöst. Theorie ist das eine, Praxis das andere…).

Aber so weit müsste es auch erst einmal kommen. Und, selbst wenn, was wäre dann unterm Strich passiert? Der Dow Jones hätte von seiner jetzigen Position aus, etwas über 7% verloren. Das Entscheidende: Einige Einzelwerte aus dem Dow Jones hätten dann deutlich über 7% verloren, einige gar nichts, andere lägen gegen den Trend im Plus.

Wie gesagt, falls es so weit kommt.

Aus Sicht der neuen Interims-Bären soll ich aber jetzt verkaufen. Aus Sicht der beharrlichen, richtigen Bären soll ich übrigens schon seit 4 Jahren gar nicht erst eingestiegen sein; also können wir diese Pessimisten hier einmal ausklammern, denn die liegen mittlerweile seit über 5000 Dow-Punkten falsch…

Also: Wie ich vielerorts lese, soll ich jetzt Positionen abbauen und mich auf eine mögliche Korrektur gefasst machen. Dummerweise lese ich das aber schon seit einiger Zeit und ich weiß gar nicht, wie viele Aktien-Positionen ich denn vorher gehabt haben soll, um sie noch abbauen zu können… Ein Beispiel:

Am 31. August letzten Jahres fand ich hier in der Geldanlage-Strategie die Aktie AT&T (Telefon-Dienstleister) aus dem Dow Jones charttechnisch sowie als Alternative zu unserer Deutschen-Telekom-Aktie „interessant“.

Angenommen, ein Anleger wäre zu diesem Zeitpunkt bei etwa 31 Dollar eingestiegen (rot eingekreist). Dann läge er per heute mit etwa 9 Dollar bzw. knapp 30% vorne. Kein bahnbrechendes Ergebnis, aber immerhin besser als die Dow-Performance (die liegt im selben Zeitraum bei etwa 20%).

Und jetzt soll der Anleger verkaufen? Nur weil wohl eine Korrektur im Dow anstehen könnte? Da weiß ich was Besseres:

Wie Sie im Chart an den roten Linien erkennen, habe ich dort die Trailing Stopps der vergangenen Monate platziert. Und jetzt wird es einfach: Steigt die Aktie weiter, schiebe ich die – mit ca. 10% höchst konservativen – Trailing Stopps immer weiter hoch. So erhalte ich mir die Chance auf mögliche weiter steigende (bald steuerfreie…) Gewinne. Fällt die Aktie, dann werde ich zu meinem gegebenen Stoppkurs verkaufen.

Das ist für mich eine Strategie. Jetzt im Kurs-Nirvana, gerade weil möglicherweise eine Korrektur ansteht, alles zu verkaufen, halte ich für schlicht und einfach strategielos. Denn dann, meine lieben Leser, hätte ich bereits in der letzten Februar-Korrektur verkaufen müssen und dann noch einmal meine Rest-Positionen in der letzten Mai/Juni-Korrektur.

Nun, ich möchte hier keinem eine mittel- bis langfristige Strategie oder Vorgehensweise aufnötigen. Auch sollen meine letzten Zeilen keine Kaufempfehlung darstellen. Aber eines möchte ich Ihnen dennoch ans Herz legen: Bleiben Sie Ihrer eigenen, selbst gewählten Aktien-Strategie treu.

Eine mögliche Strategie war in den letzten Jahren, Jahrzehnten und fast Jahrhunderten sehr erfolgreich:

Gewinne laufen, Verluste begrenzen.

Ein schönes Wochenende wünscht
Ihr

Tom Firley

PS: Herzlichen Glückwunsch, lieber Dax. Heute endlich wurde auch das über sieben Jahre bestehende intraday-Alltime-High von 8.136 Punkten geknackt. Das wird heute Abend mit einem Gläschen gefeiert. Prost!

Geldanlage-Strategie, Indizes

13.07.07 | Keine Kommentare

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